{"id":2579,"date":"2017-03-31T13:44:25","date_gmt":"2017-03-31T12:44:25","guid":{"rendered":"http:\/\/greyisgood.eu\/notes\/?p=2579"},"modified":"2025-06-18T15:11:29","modified_gmt":"2025-06-18T14:11:29","slug":"im-dialog-mit-amazon-mallorca-zeitung-nr-882-30-ma%cc%88rz-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/greyisgood.eu\/notes\/2579","title":{"rendered":"Im Dialog mit Amazon \u2013 Mallorca Zeitung \u2013 Nr. 882 \u2013 30. M\u00e4rz 2017"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image wp-duotone-default-filter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1026\" height=\"1490\" src=\"https:\/\/greyisgood.eu\/notes\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Screen-Shot-2017-03-31-at-14.37.53.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2580\" srcset=\"https:\/\/greyisgood.eu\/notes\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Screen-Shot-2017-03-31-at-14.37.53.png 1026w, https:\/\/greyisgood.eu\/notes\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Screen-Shot-2017-03-31-at-14.37.53-103x150.png 103w, https:\/\/greyisgood.eu\/notes\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Screen-Shot-2017-03-31-at-14.37.53-241x350.png 241w, https:\/\/greyisgood.eu\/notes\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Screen-Shot-2017-03-31-at-14.37.53-768x1115.png 768w, https:\/\/greyisgood.eu\/notes\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Screen-Shot-2017-03-31-at-14.37.53-705x1024.png 705w\" sizes=\"auto, (max-width: 1026px) 100vw, 1026px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der britische K\u00fcnstler <strong>Martin John Callanan<\/strong> zeigt bei Horrach Moy\u00e0 das Wechselspiel von System und Mensch, Von <strong>Brigitte Kramer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich m\u00fcssten wir alle unter Atemnot oder Platzangst leiden. Denn immer dichter legen sich die F\u00e4den des weltweiten digitalen Netzes um uns. Immer mehr Stunden verbringen wir vor kleinen oder gro\u00dfen Bildschirmen, geben Daten ein, hinterlassen Spuren. Einen Teil der Zeit im Internet verbringen wir mit Dingen, die nicht unbedingt lebensnotwendig sind. <strong>Martin John Callanan<\/strong> geht es nicht anders. Nur verbringt er seine Zeit im Netz mit Sinnvollem. Er macht Kunst. Derzeit zeigt er sie in der Galerie Horrach Moy\u00e0 an der Pla\u00e7a de la Drassana.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMartin has been alive +12858 days\u201c, schreibt er auf seiner Website. F\u00fcr alle Leser, die das Spiel mit Zahlen weniger lieben als Callanan: Er wurde 1982 in einer Kleinstadt bei Birmingham geboren. Seit mehr als f\u00fcnf Jahren lebt er in Berlin und wird als K\u00fcnstler von der ehrw\u00fcrdigen Royal Society of Arts gef\u00f6rdert. Damit steht er in einer Reihe mit Charles Dickens, Karl Marx oder Benjamin Franklin. Nach Palma hat ihn der Kunsthistoriker Pau Waelder gebracht. Es ist die vierte Ausstellung des Briten auf der Insel.<\/p>\n\n\n\n<p>Callanan interessiert das Thema Individuum und System. In seinen Installationen untersucht er die Interaktion zwischen Mensch und Netz, zeichnet die Interaktion nach. Oft \u00fcbernimmt oder ver\u00e4ndert er die Funktionsweise von Programmen, Systemen oder Anwendungen und deutet sie neu. Damit hinterfragt er die Zust\u00e4nde, demontiert unsere Gewohnheiten und sorgt auch noch f\u00fcr Witz und \u00dcberraschung. Der Effekt sitzt auch deshalb, weil seine Arbeiten so clean, so zur\u00fcckhaltend und unterk\u00fchlt wirken: Bildschirme, Kleingedrucktes, ordentlich Aufgereihtes. Im Gespr\u00e4ch mit ihm wird schnell die Tragweite seiner Arbeit deutlich. Dem uninformierten Besucher der Ausstellung \u201eActions\u201c entgeht sie aber, ist zu bef\u00fcrchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Arbeiten, alle schon einmal ausgestellt, bilden die Schau. Da ist <strong>\u201eI Cannot Not Communicate\u201c<\/strong> von 2015: Eine Reihe von hundert B\u00fcchern auf einem blanken Holztisch. Daneben liegt eine Liste mit allen ausgestellten Titeln. \u201eDas sind die B\u00fccher, die Amazon mir zum Lesen empfiehlt\u201c, sagt er mit einem leichten L\u00e4cheln in den Mundwinkeln. Er hat tats\u00e4chlich den Spruch \u201eKunden, die Artikel in Ihrem Einkaufswagen gekauft haben, haben auch Folgendes gekauft\u201c ernst genommen und die hundert ersten Empfehlungen in den Einkaufswagen gelegt. Darunter sind Fantasy-Romane oder ein Buch auf Franz\u00f6sisch, \u201edabei kann ich gar kein Franz\u00f6sisch!\u201c, sagt Callanan. Andere Empfehlungen sind einleuchtender: B\u00fccher \u00fcber Kunst, Soziologie, Philosophie, von Zygmunt Bauman, Ulrich Beck oder John Berger.<\/p>\n\n\n\n<p>Seitdem er im Mai 2015 auf Amazon geh\u00f6rt hat, ist Callanan nicht mehr normaler Kunde des Online-Gesch\u00e4fts. \u201eIch bin mit dem System in Beziehung getreten\u201c, sagt er mit leiser Stimme, \u201evielleicht l\u00fcfte ich irgendwann das Geheimnis seines Algorithmus.\u201c Callanan wird weiterhin auf Amazon h\u00f6ren, immer wieder Empfehlungen kaufen und dabei versuchen, das System zu entschl\u00fcsseln. Das Ziel dieser Spielerei w\u00e4re in dem unwahrscheinlichen Fall erreicht, wenn Callanan schon vorher w\u00fcsste, was Amazon ihm empfehlen wird. Es wird immer schwieriger, den Beweis zu liefern, dass der Mensch dem Computer \u00fcberlegen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch mehr witzige T\u00fcfteleien gibt\u2019s im zentralen, mit gepflegten, alten Bodenfliesen ausgelegten Raum. <strong>\u201eEach and Every Command\u201c<\/strong> hei\u00dft die Arbeit von 2016. Sie zeigt auf sechs hellen Tischen elf dicke, graue Ordner. In ihnen sind auf hellgrauem Recyclingpapier \u201e4.144.676 W\u00f6rter in 198.605 Zeilen\u201c gedruckt, wie Callanan sagt. Inhaltlich sagen sie gar nichts: Es ist die vom Programm Adobe Photoshop gespeicherte Chronik der Arbeit, die Callanan in den vergangenen zw\u00f6lf Jahren geleistet hat. Das Programm hat jeden Schritt bei seiner Bearbeitung von Fotos f\u00fcr die Nachwelt aufbewahrt: Callanan zeigt dieses Bem\u00fchen nun der Welt. Fast schon r\u00fchrend sind die unsinnig vielen Seiten, \u201eacht Mal so viel wie Shakespeares Gesamtwerk\u201c, sagt Callanan wieder mit diesem leichten Grinsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die exponierte Emsigkeit des Programms wirft Fragen auf, zu Sinn und Unsinn von Archiven, von Erinnerung, von Lernen. Und die Installation hinterfragt auch den Mythos vom kreativen Prozess, dem Work in Progress: Wie wichtig ist es, die Arbeitsschritte eines K\u00fcnstlers zu dokumentieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz aller Ironie und Selbstreferenz gibt es \u201eEach and Every Command\u201c als digitale Version in der British Library, und im Amazon Kindle Store kann man das Werk f\u00fcr zwei Pfund zum Lesen auf einem E-Reader kaufen: Nicht ganz so spannend wie die Lekt\u00fcre eines Telefonbuchs.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dritte Arbeit <strong>\u201eDeparture of All\u201c<\/strong> aus dem Jahr 2013 schlie\u00dflich stimuliert die Fantasie des Betrachters ungemein \u2013 wenn man wei\u00df oder intuitiv erfasst, worum es geht. Callanan hat eine Anzeigetafel mit Abflugzeiten an die Wand montiert. Bei l\u00e4ngerer Betrachtung bemerkt man, dass es sich um einen fiktiven Flughafen handeln muss. Nein, es ist die Anzeige aller Fl\u00fcge, die in Echtzeit von einem internationalen Flughafen abheben. Die Anzeige scrollt immer weiter oben, immer neue Fl\u00fcge rutschen von unten nach, sie sind alle real und die Maschinen rollen im Moment des Betrachtens irgendwo \u00fcber eine Startbahn. \u201eMan bemerkt, wie eng alles verkn\u00fcpft ist am Himmel\u201c, sagt Pau Waelder, \u201eund dabei kann einem schnell ein bisschen schwindelig werden.\u201c Der blaue Himmel taucht vor dem inneren Auge auf, durchzogen von wei\u00dfen Kondensstreifen, immer dichter werden sie, irgendwann ist das Netz so dicht, dass man kaum noch das Blau des Himmels sieht. Man k\u00f6nnte Atemnot oder Platzangst bekommen: Das Netz ist \u00fcberall, nicht nur hinter einem Bildschirm.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/greyisgood.eu\/notes\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/MZ_882_Callanan.pdf\">Download PDF<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der britische K\u00fcnstler Martin John Callanan zeigt bei Horrach Moy\u00e0 das Wechselspiel von System und Mensch, Von Brigitte Kramer Eigentlich m\u00fcssten wir alle unter Atemnot oder Platzangst leiden. Denn immer dichter legen sich die F\u00e4den des weltweiten digitalen Netzes um uns. 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